Hessischer Jugendring
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Jugendforschung

Jugendverbände sind Selbstorganisationen von Kindern und Jugendlichen. Sie verstehen sich als Interessengemeinschaft und als Interessenvertretung von Kindern und Jugendlichen. Diese Aufgaben können Jugendverbände jedoch nur erfüllen, wenn sie sehr nah an den Bedürfnissen, Interessen, Kulturen und Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen sind. Dies gewährleisten die immer neuen Jugendgenerationen in den Verbänden, die ihren Verband so ausrichten und gestalten, wie sie ihn brauchen.

Wir sehen es als eine wichtige Aufgabe für die Verbände, immer wieder neu ihre Praxis und ihre Strukturen auf die aktuellen Entwicklungen in der Gesellschaft und im Besonderen in der Jugendphase hin zu reflektieren und weiter zu entwickeln.

Seit 2009 gibt es eine Arbeitgruppe, in der sich Vertreter der Mitgliedsverbände gemeinsam mit der Frage `Wie ticken Jugendliche heute und was heißt das für die Jugendverbände?´ auseinandersetzen und das Thema für den Verbandsalltag aufarbeiten.

An dieser Stelle stellen wir einige Studien und ihre wichtigsten Inhalte vor. Die Aspekte sind nur stichpunktartig und kurz ohne Anspruch auf Vollständigkeit wiedergegeben. Dennoch können sie sicher zur Diskussion und Auseinandersetzung anregen. Im Kasten rechts finden sich Links zu den Studien, wenn die Ergebnisse genauer beleuchtet werden sollen.

KIM- und JIM-Studien | jährliche Erscheinungsweise

Kurzzusammenfassung: Die KIM (Kinder + Medien, Computer + Internet) - und JIM (Jugend, Information, (Multi-)Media) untersuchen jährlich den Medienkonsum von Kindern (6-13 Jahre) und Jugendlichen (12-19 Jahre). Interessant sind die Ergebnisse natürlich vor allem, weil sie sich in der Entwicklung vieler Jahre vergleichen lassen. Wichtigste Ergebnisse der JIM-Studie 2010 waren die beinahe Vollversorgung Jugendlicher beim Internetzugang und beim Handy. Zugenommen hat aber auch statistisch die Sensibilität beim Umgang mit persönlichen Daten im Internet. 2009 hat der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (MPFS), der die Studien trägt, die JIM-Nahaufnahmen angefertigt. Dabei geht es zum ersten Mal nicht um quantitative, sondern um qualitative Daten zur Mediennutzung junger Menschen. Die Nahaufnahmen sollen alle zwei Jahre erscheinen, so dass in diesem Jahr die neue Ausgabe ansteht.

Interessantes aus Sicht der Jugendverbandsarbeit: Vieles, was in den JIM- und KIM-Studien herausgefunden wird, kann aktive JugendleiterInnen oder MultiplikatorInnen in den Verbänden kaum überraschen. Dazu decken sich die Ergebnisse zu häufig mit den gefühlten Wahrnehmungen aus der eigenen Gruppenarbeit. Dennoch können die Studien interessantes Hintergrundwissen liefern, das Anregungen zur (medien-)pädagogischen Arbeit liefern kann. Besonders attraktiv ist, dass die Ergebnisse der Studien frei über das Internet zur Verfügung stehen.

16. Shell Jugendstudie | September 2010

Kurzzusammenfassung: Die Shell Jugendstudien, die alle vier Jahre heraus kommen, untersuchen die Situationen von jungen Menschen und fragen nach ihren Wertvorstellungen. Die Ausgabe von 2010 hatte den Untertitel: Eine pragmatische Generation behauptet sich. Viel Aufmerksamkeit erregte der Befund, dass ein Großteil der befragten Jugendlichen trotz des direkten Einflusses der Finanz- und Wirtschaftskrise, die eigenen Zukunftschancen positiv sahen. Gleichzeitig steht in der Studie aber auch, das Jugendliche aus der Unterschicht die Lebensperspektiven sehr negativ bewerten. Eine weitere Zusammenfassung der Ergebnisse findet sich hier.

Interessantes aus Sicht der Jugendverbandsarbeit: Laut Prof. Dr. Mathias Albert, Mitherausgeber der Studie, findet jugendliches Engagement zu einem großen Teil weiterhin in Vereinen und Verbänden statt. Die Studie diagnostiziert ein hohes Engagementpotential. Auch das politische Bewusstsein nimmt laut den Ergebnissen wieder langsam zu.

3. Bildungsbericht der Bundesregierung | Juli 2010

Kurzzusammenfassung: Zum dritten Mal erschien im Juli 2010 der Bildungsbericht, der von der Konferenz der Kultusminister und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung herausgegeben wird. Er liefert eine Bestandsaufnahme des Bildungswesens in Deutschland von der frühkindlichen Bildung und Betreuung über schulische und außerschulische Lernwelten bis hin zu Ausbildung, Studium und Weiterbildung. Zentrales Thema der dritten Auflage war der demografische Wandel. Allgemein bestätigt der Bericht populäre Befunde anderer Studien. Fast jedes dritte Kind unter 18 Jahren wächst demnach in finanziellen, sozialen und / oder kulturellen Risikolagen auf. In Familien mit Migrationshintergrund ist diese Quote um mehr 13 % höher. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder mit einem ausländischen Elternteil das Gymnasium besuchen, ist um 15 % geringer als im Rest der Bevölkerung. Auch der Bildungsbericht bestätigt die enge Kopplung schulischer Leistungen und die soziale Herkunft von Schülerinnen und Schülern.

Interessantes aus Sicht der Jugendverbandsarbeit: Der Bericht untersucht zwar den Bereich der non-formalen Bildung, trifft aber keine Aussagen zu dessen Erziehungs- und Bildungsleistung, die natürlich, zugegebenermaßen, auch schwerer zu messen ist. Laut dem Bildungsbericht engagieren sich 36 % der 14- bis 19-Jährigen. Unter ihnen sind Jugendliche mit erhöhter Bidlungsaspiration (Gymnasium) deutlich überrespräsentiert. Die Quote der Migrationsjugendlichen fällt deutlich geringer aus. 60 % der Engagierten geben an, durch ihren Einsatz Fähigkeiten erworben zu haben, die ihnen wichtig sind. Dazu zählen soziale Kompetenz, hohe Einsatzbereitschaft, Belastbarkeit und Führungsqualität. In Bezug auf gestiegene höhere schulische Belastungen bestätigt der Bericht, dass sich die Quote der Engagiertenn unter G8-SchülerInnen egal ob Halbtags- oder Ganztagsschule um knapp 10 % verringert. Einen ebensolchen Unterschied hat der Bericht auch zwischen Halb- und Ganztagsschülern entdeckt. Dabei konnte kein Hinweis gefunden werden, dass sich das Engagement dabei in die Schule verlagert hätte, zum Beispiel durch die Übernahme einer AG oder Ähnlichem.

2. World Vision Kinderstudie | April 2010

Kurzzusammenfassung: Im Auftrag der Kinderhilfsorganisation World Vision Deutschland hat ein Forscherteam um den Kinder- und Jugendsoziologen Klaus Hurrelmann Kinder im Alter von 6 bis 11 Jahren in Deutschland repräsentativ befragt. Methodisch ist die Erhebung an die Datensammlung zu den Shell Jugendstudien angelehnt. Auch die Kinderstudie soll nun alle vier jahre erscheinen, um einen Vergleich zu ermöglichen. Die wichtigsten Ergebnisse 2010 bestätigten in weiten Teilen andere Studien. Auch die World Vision Untersuchung belegt einen klaren Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen. Die Differenzierung des Familienbilds hält an. Auch in dieser Studie werden die hohe Bedeutung der Familie und des Freundeskreises bestätigt. Die elterliche Zuwendung ist keine Frage der Erwerbsbeteiligung.

Interessantes aus Sicht der Jugendverbandsarbeit: Mit 78 % geht eine deutliche Mehrheit der Kinder in Deutschland einer Aktivität in einer Gruppe, z.B. einem Verein nach. Schichtspezifisch gibt es aber große Unterschiede. Je höher die Schicht, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind ein Angebot wahrnimmt. Ganztagsschulen werden von den befragten Kindern nicht grundsätzlich negativ wahrgenommen. Gewünscht wird aber eine abwechselungsreiche Gestaltung des Schultags mit Elementen formaler und non-formaler Bildung. Nicht ganz überraschend sind ein großer Freundeskreis und vielfältige Freizeitaktivitäten wichtige Faktoren für die Entwicklung von Selbstwirksamkeit. Auch die Wahrnemung von partizipativen Möglichkeiten in Familie, Freizeit und Schule wirken sich laut der Studie signifikant positiv auf das Selbstwertgefühl der befragten Kinder aus.

Das Wissen zur Kinder- und Jugendarbeit | 2009

Kurzzusammenfassung: Verschiedene Träger der Jugendarbeit in Nordrhein-Westfalen haben empirisches Wissen zur Situation der Jugendarbeit in Deutschland gesammelt. Dafür wurden Studien von 1998 bis 2008 untersucht und in einer Broschüre zusammengefasst. Ohne also stapelweise Bücher wälzen zu müssen, kann man sich hier einen Überblick über den Forschungsstand verschaffen und bei Bedarf in die Tiefe der Empirie gehen. Erschienen ist das Ganze unter dem ambitionierten Titel "Das Wissen der Kinder- und Jugendarbeit".

Interessantes aus Sicht der Jugendverbandsarbeit: Interessant dürfte sicher die gesamte Lektüre sein. Schließlich kommen alle Initiatoren aus dem Bereich der freien Trägerschaft der Jugendarbeit. Daher werden die vorgestellten Studien auch aus diesem Blickwinkel betrachtet. Noch einmal verdichtet kann man aber im Handlungsfeld "Kinder- und Jugendarbeit in Verbänden" nachschlagen und wird sicher viele Anregungen für die eigene Arbeit finden.